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Surreale Hommage – WandaVision [Ersteinschätzung]

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Vielleicht habt ihr schon einmal den Begriff “Marvel-Formel” gehört. Die etwas theoretische Komposition dürfte aber gerade im Zusammenhang mit der neuesten Spin-Off-Serie besonders interessant sein. Erst bewundernd, später spöttisch wurde der Begriff verwendet, um (vor allem) die großen Superhelden-Blockbuster zu beschreiben. Die seien immer nach dem gleichen, uninspirierten, unkreativen Schema aufgebaut. Ein sympathischer Protagonist, ein blasser Antagonist, ein wenig lockerer Humor, gut produzierte Action und eine Menge Fanservice – fertig ist der Blockbuster nach Marvel-Formel.

Besonders überraschend ist es dann, wenn diese Formel vernachlässigt wird und eine speziellere Inszenierung gewählt wird. Genau das ist nun bei WandaVision der Fall und die ersten zwei Folgen werfen mehr Fragen auf, als sie beantworten.

Wo sind wir? Wann sind wir?

Doch worum geht es bei WandaVision genau? Gute Frage, denn wirklich ersichtlich wird das in den ersten knapp 60 Minuten der Staffel nicht. Klar ist, bereits die ersten Minuten überraschen. Kaum ist das Logo der Marvel Studios abgespielt, verändert sich das Seitenverhältnis des Bildes. Es schrumpft… von den üblichen 16:9 auf ein 4:3 Verhältnis. Auch fehlt plötzlich die Farbe. Das Bild ist schwarz-weiß. Einen Moment später wird dann auch klar, warum. Das hier ist alles andere als der übliche Marvel-Kram. Diese Serie adaptiert den Stil der klassischen 50er und 60er Jahre Sitcoms wie I Love Lucy (1951–1957) oder The Dick Van Dyke Show (1961 – 1966).

Ausstattung, Dialoge, Lacher vom Band, Musik – nichts erinnert hier an die Superhelden-Action-Blockbuster, die in den letzten Jahren das Kinogeschehen dominiert haben. Einzig die Hauptfiguren Vision (Paul Bettany) und Wanda Maximoff (Elisabeth Olsen) lassen uns nicht gänzlich vergessen, worum es hier eigentlich geht.

So kommt es, dass die ersten zwei Folgen die meiste Zeit das Paar mit übernatürlichen Kräften in ihrem Zusammenleben in einer amerikanischen Kleinstadt der 50er Jahre zeigen. Wohlgemerkt “die meiste Zeit”…wirklich interessant wird es erst mit dem Bruch dieser Szenerie.

Marvels “Truman Show”?

Denn so gemütlich und friedlich, wie es auf den ersten Blick scheint, dürfte es nicht sein. Immer wieder zerreißen Momente diese lustige, skurrile Atmosphäre. Plötzlich findet Wanda in dieser schwarz-weißen Szenerie einen Spielzeughelikopter in leuchtendem Rot, auf dessen Seite ein bekanntes Logo prangt. Diese Momente haben etwas Surreales, zum Teil Sinistres, Unheilvolles. Hier verschwinden plötzlich Musik und Lacher und die Tonalität wandelt sich von der Sitcom zu Momenten des Thrillers oder gar Horrors. Eben diese Momente dürften Stoff für Diskussionen, Verschwörungen und Fantheorien sein.

Ist das hier wirklich die Realität? Sind diese glitschartigen Farbtupfer etwas Externes? Warum lebt Vision, obwohl die Serie zeitlich nach Avengers: Endgame (2019) angesiedelt ist? Und warum scheint niemandem aufzufallen, dass sich die Optik der Umgebung innerhalb eines Tages um Jahre verändert?

Hier scheinen Zeiten und Realitäten verdreht zu sein. Vielleicht eine Vorschau auf Doctor Strange in the Multiverse of Madness? Der ist für 2022 angekündigt und Wanda aka Scarlett Witch wird in dem Film eine Schlüsselrolle zugeschrieben. Es wäre nicht verwunderlich, schließlich spielen alle Marvel Filme und Serien in einem cineastischen Universum (MCU) – oder etwa in mehreren?

Liebeserklärung an das Fernsehen

Neben all diesen Rätseln liefert WandaVision vor allem Fanservice. Aber nicht nur Service für eingefleischte Fans der Superheldenfilme, sondern vor allem für Fans der adaptierten Serien des letzten Jahrhunderts. Anspielungen in Bildkomposition, Humor und überzogene Dialogen finden hier ebenso Platz wie altbekannte Namen und Themen des MCU. Der Regisseur der ersten Staffel Matt Shakman, der bereits einzelne Episoden von Game Of Thrones, Mad Men und Fargo inszenierte, zeigt bereits in den ersten zwei Folgen, dass er die kreativen Möglichkeiten einer TV-Serie auszuschöpfen weiß. Querverweise, Anspielungen und immer wieder der Bruch mit Erwartungen gehen hier Hand in Hand. Elisabeth Olsen und Paul Bettany sorgen zudem mit ihrem tollen Zusammenspiel und großer Spiel- und Adaptierfreude für viel Sympathie.

Ausblick

Hauptplakat WandaVisionBei Filmkritiken würde an dieser Stelle ein Fazit kommen. Dass dies nach zwei Folgen im Allgemeinen und nach diesen zwei Folgen im Speziellen nicht möglich ist, dürfte klar sein. Doch worauf darf man sich jetzt wöchentlich freuen bzw. worauf sollte man achten?

Wirklich viel verraten uns die ersten Folgen noch nicht, der Blick auf die Trailer lohnt sich deshalb umso mehr. Diese verraten, dass gerade der Aspekt der Zeit immer wichtiger werden dürfte. Klamotten, Frisuren und Interieur deuten dort an, dass die Serie noch des Öfteren das Jahrzehnt, in dem es zu spielen scheint, wechseln dürfte.

Besonderes Augenmerk sollte man wohl auch auf die Nebenfiguren legen. Deren Namen, Anteile im Trailer und Dialoge in den Folgen dürften auf essenzielle Verbindungen zu anderen Geschichten und Handlungssträngen des MCU hinweisen. Bis dahin müssen wir uns gedulden. Disney + lässt uns immer eine Woche auf die neue Folge warten. Genug Zeit also, um zu rätseln, Theorien aufzustellen und vielleicht sogar vor Vorfreude zu platzen. Wenn eine Serie im Streamingzeitalter das schafft, dann darf man wirklich davon sprechen, dass die Marvel-Formel mit WandaVision durchbrochen scheint.

KR

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