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Disney-Pixar wird erwachsen – Soul

Info SoulDer Film ist ein spezielles Medium. Er kann ablenken, unterhalten und begeistern. Manchmal kann er sogar Antworten liefern. Gerade Filme für ein junges Publikum bedienen sich dieser Funktion sehr gerne. Da werden in der Story fast beiläufig Themen wie Freundschaft, Familie und Liebe thematisiert. Einige würden vielleicht von einer “Message” sprechen. Disney-Pixars Soul geht ein ganzes Stück weiter und stellt ganz grundsätzliche Fragen über die Existenz, die menschliche Seele, das Sein und das Jenseits. “Das verstehen Kinder doch eh nicht!”, mag man vielleicht vorschnell urteilen, doch Regisseur Pete Docter zeigt in seinem neuesten Werk, dass Kinderaugen mehr verdient haben als Prinzessinnen, Helden und Monster.

“Ich kann nicht tot sein, ich habe heute Abend einen Auftritt!”

Der Musiklehrer Joe Gardner (Originalstimme: Jamie Foxx ; deutsche Stimme: Charles Rettinghaus) liebt die Musik. Eigentlich wäre er gerne Jazz-Musiker, doch bisher blieb ihm die Möglichkeit immer verwehrt. Als er eines Tages endlich die Chance erhält, mit der berühmten Saxophonistin Dorothea (Originalstimme: Angela Bassett) aufzutreten, scheint sein Traum in greifbarer Nähe. Vor Freude jubelnd springt er in den Straßen umher und fällt in einen geöffneten Gullideckel.

Als Joe wieder zur Besinnung kommt, befindet er sich aber nicht in einem New Yorker Krankenhaus. Vielmehr ist er – nein, seine Seele – an einem unwirklichen Ort, dem “Davorseits”. Hier erhalten alle ungeborenen Seelen ihre Persönlichkeiten, samt Gemüt und dem speziellen Etwas, das in jedem von uns schlummert. Doch Joe will sich nicht mit seinem Schicksal abfinden. Es kann doch wohl nicht sein, dass er tot ist, ausgerechnet heute, wo er doch seinen großen Auftritt hat.

Die verzweifelte Seele Joe will endlich wieder in seine menschliche Gestalt zurück. Ihm zur Seite steht 22 – eine ungeborene Seele, die seit Ewigkeiten im Davorseits ist und so gar keine Lust hat, ein Dasein auf der Erde zu führen. 22 (Originalstimme: Tina Fey) hilft Joe und lernt auch durch seine Augen zu verstehen, warum das Leben vielleicht doch ganz lebenswert ist.

Was wäre, wenn Seelen Seelen hätten?

Die Disney-Pixar Animationsfilme haben seit jeher ein recht ambitioniertes Ziel. Es sollen Filme für die ganze Familie sein. Was erst einmal so leicht klingt, birgt einige Gefahren. Ist der Film einfach strukturiert, langweilen sich eventuell die Eltern. Beinhaltet der Film Humor für Erwachsene, verstehen Kinder wenig. Ein Drahtseilakt, den das Animationsstudio seit einigen Jahren zu meistern hat. Glücklicherweise hat das Studio in dieser Sache allerdings einen Spezialisten gefunden. Regisseur Pete Docter führte bereits bei Oben (2009) Regie und war auch verantwortlich für den Riesenerfolg des oscarprämierten Alles steht Kopf (2015). Nachdem sich Disney bzw. Pixar in den vergangenen Jahren erst Fragen stellten wie “Was wäre, wenn Spielzeuge Seelen hätten?”, “Was wäre, wenn Autos Seelen hätten?” und “Was wäre, wenn Gefühle Seelen hätten?” folgt nun die fast logische Fortsetzung.

Doch gibt es ein schwierigeres Thema als das Sein? Wie erklärt man Kindern, was vor bzw. nach dem Leben passiert? Und wie will man das alles auch noch in eine runde Geschichte packen? Pete Docter hat mit Soul die Antwort darauf geliefert. Eine Antwort, die sowohl die ungeborenen als auch verstorbenen Seelen in einer unwirklichen, verschwimmenden “Tropfenform” zeigt. Eine Antwort, die das Leben vor dem eigentlichen Leben fast wie eine fantasiereiche Firma zeichnet. Da gibt es die vielen ungeborenen Seelen, die in einer Aula ihren Mentoren zugeordnet werden, um gemeinsam ihre “Berufung” zu finden, um so für das Leben gewappnet zu sein. Und da gibt es den Aufpasser, der an einem Abakus nachzählt, ob auch alle Seelen vollständig sind.

Wie sieht das Leben vor dem Leben aus?

Das alles hier in dieser Kritik zu beschreiben ist schon schwer. Noch schwerer dürfte es den Macher*innen gefallen sein, das Ganze in Bilder zu verwandeln. Pete Docter wählt eine Optik, die vielen Kindern und Jugendlichen bekannt vorkommen dürfte. Das Davorseits wirkt wie eine fantastische Mischung aus Firma und Kindergarten. So gibt es abstrakt-kubistische Lebewesen, die wie Erzieher*innen die ungeborenen Seelen in Gruppen aufteilen und anleiten, ihre Charakterzüge zu erhalten.

Diese einzigartige Optik wird durch einen tollen Soundtrack der Komponisten Trent Reznor und Atticus Ross untermauert. Hinzu kommen Jazz-Stücke des Musikers Jon Batiste, die vorgetragen durch Joe für diese ganz einmaligen Momente sorgen, in denen nicht nur Joe die Welt um sich herum vergisst, sondern wir als Zuschauer*innen gleich auch.

Doch kein Film für die ganze Familie?

Wann immer Filme (gerade Familienfilme) können, geben sie eine sogenannte “Message” mit. Diese “Message” soll (vor allem) der jugendlichen Zuschauerschaft neben der Unterhaltung gleich noch eine Moral oder Lehre vermitteln. Sie ist das vielleicht mächtigste Mittel, um als Film einen prägenden Eindruck zu hinterlassen. Dabei muss diese Moral oder Thematik nicht direkt ausgesprochen werden. Es reicht, sie zwischen den Zeilen des Films zu thematisieren. Das passiert manchmal recht auffällig, manchmal aber auch subtiler. Bei Robin Hood (1973) geht es Klassenunterschiede, bei Die Eiskönigin (2013) um Geschwisterliebe, bei Alles steht Kopf (2015) um die persönliche Gefühlswelt und das Aufwachsen und bei Zoomania (2016) um Rassismus.

Spätestens die letzten Beispiele zeigen, dass Filme, die schnell als “Kinderfilme” betitelt werden, sehr wohl einen gewissen Anspruch und eine gewisse Schwere vertragen können – vielleicht sogar haben müssen. Die Zeit, in der die Prinzessin vom Helden gerettet werden musste, ist aus vielen guten Gründen längst vorbei. Wenn nicht “Kinderfilme” den Kindern und Jugendlichen schwere Themen nahebringen können, wer dann?

Unbestritten ist aber, dass die Inszenierung stimmen muss. Diese ist in Soul (in Deutschland ab 0 Jahren freigegeben) manchmal etwas düster. Etwa die verlorenen Seelen, als große schwarze Kreaturen mit langen Armen inszeniert, dürften für ganz junge Zuschauer*innen gruselig sein. Auch Witze und Aspekte des Sterbens dürften zwar bei den Eltern für einige Lacher sorgen, in ganz jungen Jahren dürften Kinder diese aber noch nicht verstehen. So hebt sich Soul in seiner Tonalität doch deutlich von Alles steht Kopf ab. Der neueste Streifen ist etwas ernster, dramatischer und fordernder. So essenziell die Message ist, wirklich verstehen werden sie wohl erst Kinder ab 10 Jahren.

Stichwort: Repräsentation

Disney und Pixar gehen aber auch an anderer Stelle einen neuen Weg – “vor” und “hinter” der Kamera. Der Animationsfilm ist der erste Streifen, bei dem Dana Murray als Produzentin fungierte. Zudem ist es Drehbuchautor Kemp Powers zu verdanken, dass es sich bei Soul um den ersten Pixar-Film mit schwarzem Protagonisten handelt. Wenn man us-amerikanischen Kritikerstimmen Glauben schenken darf, hebt sich Soul zudem in der realistischen Darstellung von schwarzen Personen ab. Dies dürfte wohl ein weiterer Grund sein, weshalb sich die Originalvertonung lohnen dürfte. Auch die Darstellung von Jazz als Lebensgefühl und dem Barbershop als Ort des Austauschs wird hervorgehoben.

Man kann also hoffen, dass Soul zukünftigen Filmemacher*innen nicht nur in der Behandlung von tiefen, existenziellen Fragen als Inspiration und Vorreiter dient, sondern auch in der Besetzung der Figuren.

Zwei Welten, zwei Zielgruppen, zwei Meinungen

Hauptplakat Soul

Ähnlich wie in Alles steht Kopf wechseln sich auch hier die Orte des Geschehens ab. Beim Film von 2015 fand die Handlung sowohl in der Lebenswelt als auch in der Gefühlswelt von Riley statt. Soul handelt im Davorseits und auf der Erde. Zwischen diesen zwei Handlungswelten erfolgt allerdings ein klarer Bruch, sowohl in der Darstellung als auch in der Zielgruppe. Dies ist erst einmal nichts schlechtes – im Gegenteil.

Während das Davorseits weich, leise, fast wie in Watte gepackt wirkt, ist New York laut bunt, detailreich. Während die Handlung im Davorseits die existenziellen, schwierigen Fragen aufwirft, unterhält die New Yorker Handlung mit einfacheren Situationen und Dialogen. Das hat zur Folge, dass der Anteil in der realen Welt gerade für das junge Publikum mehr Lacher bereit hält, während das ältere Publikum im Davorseits auf seine Kosten kommen dürfte.

Es mag meinem Alter geschuldet sein, dass mir dementsprechend die unwirklichen Szenen besser gefallen haben. Das heißt nicht, dass die andere Hälfte nicht gefallen hätte, sie fällt meines Erachtens aber gegenüber dem experimentellen Stil ab und hat weniger Besonderheit vorzuweisen. Das mag man anders sehen, doch lässt es den Film vereinzelt etwas entzweit wirken. Dies wird aber von der angenehmen Laufzeit von 100 Minuten und der insgesamt mutigen Inszenierung des Films wett gemacht.

Fazit

Der 23. abendfüllende Pixar-Film widmet sich erneut den existenziellen Fragen des Lebens. Regisseur Pete Docter hat sich für einen anspruchsvollen, außergewöhnlichen Stil entschieden, der aber die Jüngsten etwas überfordern dürfte. Mit toller Musik, detailverliebter Animation und dem Einfangen eines Lebensgefühls lässt Disney-Pixar vergessen, dass die zwei Handlungswelten nicht auf Augenhöhe stehen, sodass es schlussendlich ein fantasiereiches Werk ist, welches nicht nur unterhält, sondern bereichert.

Der Film bekommt von mir 4 von 5 Sternen.

KR

Soul ist ab dem 25. Dezember 2020 auf Disney + zu sehen.

 

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