Kritik Chaos Walking

Verschwendetes Potenzial – Chaos Walking

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Es gibt Filme, die sehen auf den ersten Blick wirklich vielversprechend aus. Chaos Walking ist so ein Film. Die Adaption eines erfolgreichen Jugendromans, in den Hauptrollen zwei charismatische Jungschauspieler, eine tolle Besetzung des Antagonisten und eine Prämisse, die interessant ist.

All das vereint der Film von Regisseur Doug Liman, der zuvor unter anderem Jumper (2008) und Edge Of Tomorrow (2014) drehte. Trotzdem (oder vielleicht gerade deshalb) ist der Film eine Enttäuschung. Chaos Walking ist nicht wirklich schlecht, aber er verschwendet einfach unglaublich viel Potenzial.

Ich sehe, was du denkst.

Im Jahr 2257 lebt Todd Hewitt (Tom Holland) als letzter Junge in Prentisstown, einer kleinen Siedlung auf dem vom Menschen kolonisierten Planeten New World. In Prentisstown gibt es keine Frauen. Diese sind vor Jahren im Krieg gegen die Ureinwohner des Planeten gestorben. Zudem stehen die Männer unter dem Einfluss des sogenannten “Lärms” (im Original: “The Noise”) . Der bewirkt, dass alle Gedanken plötzlich hörbar und sichtbar werden. Wie eine Wolke aus Wörtern, Bildern und Tönen wabern die Gedanken um die Köpfe der Männer und sind so für jeden hörbar. Geheimnisse gibt es nicht.

Todd hat noch nie in seinem Leben eine Frau gesehen, doch das ändert sich als die junge Viola (Daisy Ridley) mit ihre Raumschiff abstürzt und auf New World bruchlandet. Todd beschließt, ihr zu helfen und sich damit gegen den Bürgermeister von Prentisstown (Mads Mikkelsen) zu stellen. Der sieht in der jungen Frau eine Gefahr und macht Jagd auf sie. Todd und Viola müssen fliehen, doch kann das gut gehen? Schließlich betrifft der “Lärm” nur Männer, sodass Viola jederzeit weiß, was Todd denkt. Ihre Gedanken bleiben ihm aber verborgen…

Romanadaption aus der Produktionshölle

Ähnlich beschwerlich wie das Abenteuer von Viola und Todd war auch die Produktion von Chaos Walking selbst. Bereits 2011 sicherte sich das Studio Lionsgate die Rechte an der Roman-Trilogie von Autor Patrick Ness. Die Verfilmung der Buchreihe sollte der nächste große Hit im Genre der Young-Adult Science-Fiction werden. Filmreihen wie Die Tribute von Panem oder Die Bestimmung machten es schließlich recht erfolgreich vor.  Doch es sollte noch lange dauern, bis die erste Klappe fallen würde. Zahlreiche Drehbuchautoren kamen und gingen, im August 2017 begannen dann endlich die Dreharbeiten, 2018 wurden Nachdrehs angesetzt –  die konnten aber erst 2019 starten und dann kam auch noch die Pandemie.

Oft sieht man Filmen später auch diesen langwierigen Prozess an. Die Fans der Buchreihe machten sich trotzdem große Hoffnungen  und das durften sie auch. Mit Tom Holland (Spiderman: Homecoming (2017), Avengers: Endgame (2019)) und Daisy Ridley (Star Wars – Das Erwachen der Macht (2015)) konnte man immerhin zwei der angesagtesten und talentiertesten Jungschauspieler für die Hauptrollen gewinnen. Außerdem ist die Grundidee der Geschichte auch alles andere als gewöhnlich.

Die Gedanken sind unfrei

Zugegeben gab es natürlich schon ein paar Filme, in denen mit der Idee gespielt wurde, dass unfreiwillig Gedanken gelesen oder gehört werden können. In diesem Science-Fiction Umfeld und dieser speziellen Beziehung zwischen junger Frau und jungem Mann ist das ganze aber doch recht besonders. Durch dieses “Aufdecken” der Gedanken werden nämlich gleich mehrere Konflikte erzeugt und verstärkt – oder könnten es zumindest.

Chaos Walking schafft es kaum, die eigene Prämisse zu nutzen. Das anfängliche Misstrauen zwischen Todd und Viola, Konflikte zwischen dem Bürgermeister und den Bürgern, die eigene Identität oder auch der Umgang mit Lügen: das sind alles Aspekte, die einen besonderen Twist bekommen könnten. Das Drehbuch benutzt die eigene Besonderheit aber fast nur für plumpe Gags. Die resultieren dann auch nur aus der Unsicherheit des jungen Mannes, der zum ersten Mal eine Frau sieht. Das ist auf dem Niveau eines Sat1-Super-Sommer-Films.

Dabei gibt es vereinzelte Momente, die zeigen, was alles möglich gewesen wäre. Da wäre zum Beispiel der Priester des Dorfes (David Oyelowo), den eine laute, dunkle, beängstigende Wolke aus Gedanken umgibt, die nur erahnen lässt, welchem Fanatismus er folgt. Auch können einige Figuren ihre Gedanken so kontrollieren, um den entstehenden “Lärm” für sich zu nutzen. Wirklich wichtig für die Handlung ist das alles aber nicht.

Der “Lärm” bleibt ein Gimmick, der manchmal sogar ein wenig nervig werden kann. Das liegt vor allem daran, dass eine alte Filmemacher-Regel  ein wenig untergraben wird. Die Emotionen und Intentionen von Figuren sollen von der Kamera gezeigt und nicht durch die Figuren selbst ausgesprochen werden. Jetzt sind aber plötzlich genau diese Emotionen für den Zuschauer zu hören. Es scheint kaum noch Mimik, Gestik oder clevere Montage zu brauchen. Das ist am Ende vielleicht der Hauptgrund, warum einen die Figuren relativ kalt lassen.

Gute Ansätze…

Zugegeben, Daisy Ridley und Tom Holland spielen beide gut und harmonieren auch. Wirklich viele Möglichkeiten, um zu glänzen, bekommen sie aber nicht. Todd Hewitt bleibt in der Rolle des naiven, manchmal sogar dusseligen Jungen gefangen und die weibliche Hauptfigur darf kaum mehr machen als treudoof zu reagieren. Wenn dann auch noch ein hervorragender Schauspieler wie Mads Mikkelsen in der Rolle eines Antagonisten vollkommen farblos bleibt, spricht das nicht für die Inszenierung.

Aber es ist nicht alles schlecht. Der Film ist alles andere als langweilig. Mit 108 Minuten hat er eine angenehme Länge und auch das Setting, Produktions- und Sounddesign sind wirklich vernünftig. Vereinzelt werden sogar ganz essenzielle Themen wie die Vertreibung von Ureinwohnern oder die Geschlechterrollen angeschnitten. Ob es eine Fortsetzung und damit die Chance geben wird, dies zu vertiefen, dürfte aber fraglich sein. Erste Reaktionen von Fans der Buchreihe bedeuten wenig Gutes.

Fazit

Chaos Walking ist kein schlechter Film. Die Grundpfeiler eines Young-Adult Science-Fiction-Films stehen auch. Die Welt ist interessant, die Hauptfiguren harmonieren und es gibt mit dem “Lärm” eine spannende Prämisse. Leider wissen Regie und Drehbuch nicht, wie man die umsetzen soll, um die Handlung voranzutreiben. Am Ende bleibt deshalb vor allem ein Gedanke hängen: hier wurde viel Potenzial vergeudet.

Der Film erhält von mir 2,5 von 5 Sterne.

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